Die Fastenkur

Unsereiner, der einige oder viele Kilo mehr auf die Waage bringt, als ihm gut tut, bemüht sich darum, abzunehmen. Das Mittel der Wahl wird immer eine Schlankheitskur sein, denn andere Behandlungsweisen wurden bisher noch nicht erfunden. Die ach so gescheiten Ernährungswissenschaftler reden zwar immerfort von Bewegung und Körperertüchtigung, aber wenn man dann mit einem Experten für Körperkultur redet, winkt der nur ab. Durch Leibesübungen kann man seine Fitness erhöhen, die Beeinträchtigungen des Übergewichts vielleicht ausbalancieren, aber absolut nicht abnehmen. Denn wenn man Bewegung so betreibt, wie die Experten empfehlen, dann baut sich zwar das Fett ab, wird aber durch Muskelmasse ausgetauscht. Die Bilanz ist, dass man zwar einen zäheren, weil fettärmeren, Körper hat, aber mehr wiegt. Das kann jeder verfolgen, der geeignet Sport treibt und eine Fettanalysewaage anwendet. Diese wird erkennbar machen, dass der Fettanteil des Körpers beständig abnimmt, aber auch, dass das Gesamtgewicht kongruent steigt. Also verbleibt wirklich nur die Diät oder die adipositas Chirurgie. Letztere sei hier nicht besprochen. Da ich seit etwa 60 Jahren das Problem des Übergewichts habe, also bereits von Kindesbeinen an, habe ich mich selbst und wurde ich mit allerlei Abmagerungskuren gepiesackt. Am effektivsten hat sich bei mir die Fastendiät entpuppt. Ich habe diese mehr als einmal in unterschiedlichen stationären Institutionen absolviert. Heute stehen die Experten dieser Fastenkur sehr ablehnend entgegen, aber mir hat sie zu der Zeit und kurz danach genützt. Es waren immer Zeitabschnitte von 4-6 Wochen, in denen ich keinerlei Lebensmittel gegessen habe.

Fasten

Maren Beßler / pixelio.de

Das Einzige, was akzeptiert war, ist Wasser, so viel wie ausführbar. Und ein Vitamincocktail, flüssiges Summavit. Dieses Medikament hat zwar haarsträubend gemundet, war aber ein erforderliches Übel. Da diese Fastendiäten stets im Krankenhaus durchgeführt wurden, war auch immer Sport en vogue. Bewegungstraining und gymnastische Übungen unter Anweisung, Frühsport, Tischtennis, Waldlauf, Ballspiele usw. Ich war den ganzen Tag belastet. Da wir stets eine Anzahl Patienten waren, die dort eine Hungerkur machten, hat die Gruppendynamik dazu mit sich gebracht, dass man sich Erfolg versprechend animierte. Und folgerichtig auch einer auf den anderen aufpasste, dass keiner still und leise etwas zu sich nahm. So eine Fastendiät ist eine ganz ausgezeichnete Sache, auch wenn die Ärzte heute diese beanstanden. Die ersten drei Tage hat man mächtigen Heißhunger, natürlich, aber spätestens am vierten Tag hat der Körper die Lage ausgemacht und schickt besondere Endorphine aus. Auf diese Weise wird man zufrieden, ruhig und glücklich. Es stellt sich ein Behagen ein, ähnlich, wie es Langstreckenläufer genießen. Der Hunger ist völlig verschwunden, der Heißhunger spielt keine Rolle mehr. Und da zu Beginn einer solchen Fastenkur, wie bei jeder Diät, die Kilos sehr fix verloren gehen, hat man durch den Erfolg auch eine bedeutende Motivation. Im Laufe der Wochen wird die Gewichtsabnahme pro Tag zwar merkbar geringer, aber das geht dann allerdings an die Substanz und bleibt. Man muss sehr viel Wasser zu sich nehmen, um die im Fett angehäuften schädlichen Stoffwechselprodukte auswaschen zu können. Außerdem entsteht automatisch eine Azidose, also eine Übersäuberung des Körpers. Da das medizinisch bedrohlich sein kann, ist so eine ausgiebigere Fastendiät nur unter ärztlicher Beaufsichtigung zu empfehlen. Außerdem löst die Azidose aus, dass der Kranke sehr lästig nach Azeton aus dem Mund stinkt. Aber da ja alle so einen Dunst ausatmen, fällt das nicht weiter auf. Im Allgemeinen wird für eine Fastendiät höchstens Fastenzeit von drei Wochen vorgeschlagen. Bei mir waren es einmal bis zu sechs Wochen. An die tatsächliche Fastenzeit schließt sich dann, je nach Dauer des Fastens, eine mehr oder weniger ausführliche Aufbauphase an. Wird das Fasten abgeschlossen, gibt es erst einmal einen Apfel oder vergleichbares Obst pro Tag. Am folgenden Tag schon etwas Suppe oder Weißbrot usw. Man wird also allmählich an das gesunde Essen gewöhnt. Und das ist die unbehaglichste Zeit des Fastens, weil sofort wieder der Hunger einsetzt. Man hat Appetit und Hunger und darf nichts verzehren. Denn erst nach etwa einer Woche ist man an der Stelle angelangt, wo man so viel verzehren darf, dass man satt wird. Natürlich wurden im Krankenhaus während das Fastens verschiedenste Kochkurse angeboten, in denen man das lernt, was die Ernährungswissenschaftler so für zweckmäßig halten. Man kann unterschiedlicher Anschauung sein, ob das richtig ist, klappen wird es nicht. Sonst bräuchte man nicht solche Fastendiäten, sonst würden nicht so viele Übergewichtige existieren. Und im Übrigen sind alle Ernährungswissenschaftler, die mir bekannt sind, nicht übergewichtig. Sie sind also wie nicht Sehende, die von Farben reden. Ich habe einmal nach einer solchen klinischen Fastendiät mit dem Chefarzt einer dieser Kliniken reden können. Und er hat unmissverständlich bemerkt, dass durch diese Abmagerungskuren dem Übergewichtigen nur eine Frist in seinem Krankheitsverlauf gewährt werden kann. Nach einem Jahr wirkt der Jo-Jo-Effekt und das Gewicht ist wieder auf dem alten Zustand. Aber innerhalb dieses einen Jahres hatte der adipöse Mensch ein geringeres Gewicht, ist etwas gesünder geworden, seine Krankheitsfolgen treten später auf usw. Das ist der faktische Erfolg einer solchen Fastenkur.
In den folgenden Jahren habe ich dann die Vorzüge des Fastens für kurze Zeit genutzt. Ich habe dann, voll im Berufsleben stehend, einen Tag lang gefastet. Also nur Tee zu mir genommen und nichts verzehrt. Das hat zwar vom Gewicht her nicht viel erreicht, unterstützt die Psyche aber außerordentlich. An diesem Tag fühlte ich mich wohl, hatte keine Schmerzen, platzte nur so vor Tatkraft.

© J. Schlesinger

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